wird geladen
Das Forschungsprojekt CO₂-neutrales Welterbe Speicherstadt Hamburg zeigt: Belastbare Aussagen zum Energieverhalten komplexer Bestandsgebäude erfordern den Abgleich von Simulation, Messung und Realbetrieb. © Mediaserver Hamburg-Mediaserver Hamburg – Christian Spahrbier
Das Forschungsprojekt CO₂-neutrales Welterbe Speicherstadt Hamburg zeigt: Belastbare Aussagen zum Energieverhalten komplexer Bestandsgebäude erfordern den Abgleich von Simulation, Messung und Realbetrieb.

Energetische Sanierung im Denkmal
Weltkulturerbe Speicherstadt Hamburg wird CO₂-neutral

26.06.2026 | Aktualisiert am: 26.06.2026

Dass sich Denkmal- und Klimaschutz nicht ausschließen, beweist Hamburgs Weltkulturerbe. Bis 2040 soll das einzigartige Gebäudeensemble zum CO2-neutralen Quartier werden. Den Grundstein hierfür hat ein Expertenteam im Projekt „CO2-neutrales Welterbe Speicherstadt Hamburg“ gelegt.

Wo hanseatische Kaufleute bis 2003 zollfreie Waren lagerten, haben heute Kreativ-Agenturen und Unternehmen ihren Firmensitz. Die rund 100 Jahre alten Gebäude sind nicht nur ein facettenreiches Gewerbequartier und Touristenmagnet. Vertreter aus Energiebranche und Politik, Bauinteressierte und Handwerker zieht es insbesondere in den Sandtorkaispeicher. In dem Gebäude hat die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) in einem Forschungsprojekt gemeinsam mit Forschenden aus der Universität Stuttgart, der HafenCity Universität Hamburg sowie der RWTH Aachen ein komplett auf das Gebäude zugeschnittenes neues Wärmeversorgungssystem entwickelt.

Zusammenspiel von Denkmalschutz und energetischer Sanierung

Graphische Skizze mit den Energiesanierungsmaßnahmen in dem Speicherhaus im Sandtorkai in Hamburg. © DEMIRAG Architekten
Sanierungsmaßnahmen vom Dach bis in den Keller: Im Block H im Sandtorkai wurde die energetische Wärmeversorgung komplett modernisiert.

„Klimaneutralität in denkmalgeschützten Gebäuden umzusetzen, ist äußerst komplex“, sagt (Forschungs-)Projektkoordinator Peter Modlich und Leiter der HHLA-Projektentwicklung. „Aber wir haben im Pilotprojekt gezeigt, dass es funktioniert.“ Ziel des Verbundvorhabens sei es gewesen, einen ganzheitlichen Ansatz zu entwickeln, der bauliche Maßnahmen, innovative anlagentechnische Systeme, digitale Modelle sowie den späteren Betrieb miteinander verknüpft.

Porträtbild von Peter Modlich © HHLA
Peter Modlich, Leiter der HHLA-Projektentwicklung: „In einem Welterbe wie in der Speicherstadt Hamburg energetische CO2-Neutralität anzustreben und umzusetzen, ist einzigartig.“

„Um diesen systemischen Ansatz herum haben wir im Projekt Komponenten und Maßnahmen sowohl am realen Gebäude als auch im digitalen Zwilling entwickelt“, berichtet Projektpartner Professor Harald Garrecht von der Universität Stuttgart. Dazu zählten denkmalverträgliche Innendämmmaßnahmen, thermisch und elektrisch aktivierte Dachflächen, hybride thermische Speicherlösungen sowie Niedertemperatur-Wärmeübergabesysteme. Ergänzend wurde ein digitales Bauwerksinformationsmodell (BIM) als integrative Datenplattform aufgebaut und mit energetischen und strömungstechnischen Simulationsmodellen gekoppelt.

Innovative Dachflächenlösungen in historischem Erscheinungsbild

Auf dem Bild sind die neuen Dachplatten aus Kupfer und Schiefernachbildung zu sehen. © HHLA
Unter den Dachelementen aus Beton in Schiefernachbildung und aus Kupfer wird Strom und Umweltwärme gewonnen.

Ein konkretes Arbeitspaket: In Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz mussten innovative Dachflächenlösungen zum Gewinnen von Strom und Umweltwärme gefunden werden. Dabei durfte jedoch die historische Optik der Dachlandschaft nicht verändert werden. Hierfür hat das Wissenschaftsteam thermisch und elektrisch aktivierte Dachelemente aus Beton in Schiefernachbildung und aus Kupfer entwickelt und vor Ort erprobt. Unter der Eindeckung befinden sich zudem Wärmetauscher, mit denen Wärme aus der Umgebung gewonnen wird. „Diese Dachsysteme sind nicht von der Stange zu kaufen“, berichtet Harald Garrecht. „Sie wurden eigens für dieses Gebäude gemeinsam mit Handwerksbetrieben entwickelt.“

Erfolge des Forschungsprojekts

  • CO2-Neutralität als Projektziel wurde nahezu vollständig erreicht. Lediglich im Winter bezieht die Wärmepumpe minimal Strom aus dem Netz.
  • Technisches Gesamtkonzept für ein gesamtes Wärmeversorgungssystem im Haus funktioniert.
  • Ein für die Denkmalpflege vertretbares Konzept für die thermisch und elektrisch genutzten Dachflächen wurde erfolgreich realisiert.
  • Entwicklung eines Hochleistungsdammputzes für die Innenwände mit nur 35 mm Dicke, der den Wärmewiderstand der Wand um ein Drittel verbessert.

Speicher im Keller, Hochleistungsdämmschutz im Innern

Eine Wärmepumpe verteilt die Wärme im Gebäude. Im Keller stehen zudem verschiedene Speicher, unter anderem ein im Forschungsprojekt entwickelter Betonspeicher. „Ursprünglich wollten wir draußen die Kaimauern thermisch aktivieren, aber das ging genehmigungsrechtlich in der kurzen Zeit nicht. Daher mussten wir eine andere Lösung finden“, erklärt Peter Rosenzweig, der als verantwortlicher Architekt HHLA-seitig das Forschungsprojekt gesteuert hat.

Da auch die Außenfassade des Kontorhauses aus Denkmalschutzgründen nicht verändert werden darf, entwickelte das Projektteam außerdem einen Hochleistungsdämmputz mit nur 35 Millimeter Dicke für die Innenwände. „Diese Innendämmung verbessert den Wärmewiderstand der Wand um ein Drittel. Dadurch können wir die Fußbodenheizung in den Räumen mit nur 35 Grad beheizen“, erläutert Harald Garrecht.

„Unser systemischer Ansatz und die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind auf andere denkmalgeschützte Gebäude und Quartiere übertragbar.“
Prof. Harald Garrecht, Universität Stuttgart

Die Ergebnisse im Forschungsprojekt CO2-neutrales Welterbe Speicherstadt Hamburg zeigen: Belastbare Aussagen zur energetischen Performance komplexer Bestandsgebäude sind nur durch den systematischen Abgleich von Simulation, Messung und Realbetrieb möglich. Die gewonnenen Erkenntnisse werden im Laufe der nächsten Jahre in der gesamten Speicherstadt angewendet. Bis 2040 ist geplant, alle Gebäude energetisch zu sanieren.

„Die denkmalpflegerische und die städtische Genehmigung unserer Lösungen liegen vor."
Peter Rosenzweig, HHLA-Architekt und Projektsteuerer

Auch für Projektierer, Architektur- und Energiefachleute und andere sind die Forschungsergebnisse interessant. Denn das Projekt liefert übertragbare methodische und technische Ansätze für die Planungspraxis. Es zeigt, wie integrale Sanierungsstrategien für denkmalgeschützte Quartiere entwickelt, bewertet und schrittweise umgesetzt werden können. (it)

Drei Preise bei der Sustainability Challenge 2026

Besondere Anerkennung: Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat am 17. Juni 2026 die Sieger ihrer Sustainability Challenge 2026 gekürt. Gleich drei Preise erhielt die „CO2-neutrale Speicherstadt Hamburg“. Das Projekt belegte nicht nur den ersten Platz in der Kategorie Forschung, sondern erhielt auch den Sonderpreis Klima. Es durfte außerdem den Publikumspreis entgegennehmen. Dieser wird aus einem Online-Voting im Vorfeld sowie einer Live-Abstimmung beim DGNB „Tag der Nachhaltigkeit“ ermittelt.

Die HHLA Immobilien GmbH hatte sich stellvertretend für den Projektverbund mit „0-CO2-WSHH“ um den DGNB-Preis in der Kategorie „Forschung“ beworben. Die Jury würdigte das Vorhaben in ihrer Laudatio als skalierbaren Leuchtturm.