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Wasserstoff-Leitfäden
Interpretationsspielräume reduzieren und Planungs- und Investitionssicherheit unterstützen
Josephine Glandien Mission Wasserstoff
Beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft stehen Planer, Netzbetreiber und Behörden vor technischen und genehmigungsrechtlichen Herausforderungen. Josephine Glandien von der DBI-Gruppe und Projektleiterin von PORTAL GREEN II erklärt, wie praxisnahe Leitfäden und eine interaktive Einspeiselandkarte Planungsprozesse in Zukunft erleichtern sollen.
Warum sind Planung, Genehmigung und Umsetzung derzeit ein entscheidender Engpass beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft? Wo hakt es in Genehmigungs- und Planungsprozessen für Wasserstoffinfrastruktur am häufigsten?
Wir haben festgestellt, dass die Hemmnisse beim Wasserstoffhochlauf weniger im technischen Know-how liegen. Hier sind wir dank intensiver Forschung bereits sehr weit. Die Herausforderungen ergeben sich eher aus den komplexen, mehrstufigen Planungs- und Genehmigungsverfahren, fehlender Standardisierung und Erfahrungen sowie aus bestehenden Sicherheitsbedenken.
Wasserstoffleitungen unterliegen vielen verschiedenen Gesetzen und Verordnungen. Hierzu zählen etwa das Wasserrecht, der Arten- und Naturschutz, das Immissionsschutzrecht und das Bergrecht im Zusammenhang mit Untergrundspeichern. Hinzu kommt ein fehlender bundeseinheitlicher Rahmen, der die Verfahren zusätzlich verkompliziert und Interpretationsspielräume eröffnet. Je nach Konstellation handelt es sich daher häufig um Einzelfallentscheidungen.
Ein Fazit unserer Leitfadenentwicklung war entsprechend, dass es eben nicht immer den einen pauschalen Weg gibt. Dadurch sind Projektierer und Behörden oft in einer ungünstigen Situation, da auf beiden Seiten Planungssicherheit fehlt. Mit den Leitfäden haben wir daher versucht, eine Art Harmonisierung und Orientierung zu schaffen, die eine einheitlichere Vorgehensweise in Deutschland unterstützen kann.
Wie unterscheidet sich PORTAL GREEN II von seinem Vorgängerprojekt?
Der Fokus von Portal Green lag auf Power-to-Gas-Anlagen. Daher haben wir bei Portal Green II den Schwerpunkt von der Erzeugung hin zu Transport und Verteilung von Wasserstoff erweitert, um die nächsten Schritte der Wasserstoffkette zu betrachten. Dabei haben wir sowohl die Umstellung von Gasleitungen als auch den Neubau von Wasserstoffleitungen betrachtet.
Natürlich sind auch vermehrt Erfahrungen aus Forschungsprojekten zu Wasserstoff eingeflossen. Das war bei unserem Vorgängerprojekt noch nicht in diesem Maß möglich. Auch die technische Wasserstofftauglichkeitsprüfung war damals noch kein großes Thema.
Besonders gefreut hat uns das große Interesse von Mitarbeitenden aus Behörden, mit uns zusammenzuarbeiten und ihre Erfahrung zu teilen. Auf diese Weise sind, wie bereits im ersten Projekt, jeweils ein genehmigungsrechtlicher und ein technischer Leitfaden entstanden.
Über die Laufzeit beider Projekte hinweg haben wir eine große Marktentwicklung und einen deutlichen Akzeptanzzuwachs für Wasserstofftechnologien und ihr Potenzial feststellen können. Wir haben mit unserer Arbeit auch eine sehr gute Zeit erwischt. Im Laufe des ersten Projektjahres kam die Genehmigung für das Wasserstoffkernnetz. Das hat unserer Arbeit einen weiteren großen Impuls geliefert.
Sie haben im Projekt mehrere Leitfäden erarbeitet. Was lösen diese ganz konkret für Planer, Netzbetreiber und Genehmigungsbehörden?
Grundsätzlich sollen alle fünf Leitfäden für die Beteiligten Interpretationsspielräume reduzieren und die Planungs- und Investitionssicherheit unterstützen. Damit tragen wir dazu bei, dass Wasserstoffprojekte schneller und effizienter umgesetzt werden können.
Zunächst haben wir für Planer und Netzbetreiber klare Entscheidungsbäume entwickelt, an denen sie sich orientieren können. Insbesondere für den genehmigungsrechtlichen Bereich im Neubau und für strukturierte Umstellprozesse werden entscheidende Fragen beantwortet. Sprich, wie kann eine Umstellung ablaufen, was muss alles beachtet werden, welche Schnittstellen gibt es und welche verschiedenen Verantwortlichkeiten müssen beachtet werden? Die Leitfäden sind recht umfangreich, weil im Wasserstoffbereich zahlreiche Anforderungen bestehen, die beachtet werden müssen, beispielsweise im Bereich Explosionsschutz, Werkstoffbewertung, Sicherheitsanforderungen sowie Natur- und Wasserschutz.
Mit den Leitfäden wollten wir auch weiße Flecken aufzeigen und deutlich machen, wo noch Optimierungspotenziale bestehen. Fakt ist jedoch, dass Behördenmitarbeitenden in diesem Bereich häufig die Erfahrung mit Wasserstoff fehlt. Viele bestehende Hilfen richten sich vor allem an die fachliche Ebene und nicht an die Genehmigungsseite. Somit gab es für diesen Personenkreis bislang keine auf sie zugeschnittene Orientierung. Das wollten wir mit unseren Leitfäden ebenfalls ändern.
Zudem haben wir einen Leitfaden für die technische Gebäudeausrüstung mit kleinen Wasserstoffanlagen entwickelt, um auch hier mehr Klarheit in den Verfahren zu schaffen. Dabei geht es insbesondere um Prüferfordernisse und die verordnungsrechtlichen Anforderungen, die für sichere Eigenverbrauchsanlagen beachtet werden müssen.
Wie haben Netzbetreiber, Behörden und Industriepartner an den Leitfäden mitgewirkt – und was hat das inhaltlich verändert?
Im Endeffekt arbeiten Planer, Netzbetreiber und Behörden jeweils mit dem gleichen Leitfaden. Sie nutzen dabei jedoch unterschiedliche Elemente. So entsteht eine Einheitlichkeit für alle Prozessschritte.
Der Austausch mit den relevanten Akteuren war uns sehr wichtig. Aus diesem Grund haben wir in Portal Green II die Praxis sehr eng eingebunden, beispielsweise durch einen Projektbegleitkreis und die Durchführung von Workshops. Dabei waren unter anderem auch viele Netzbetreiber involviert. Das hat uns geholfen, die Leitfäden im Entstehungsprozess immer wieder mit Akteuren aus der Praxis rückzukoppeln und kontinuierlich nachzuschärfen.
Durch die Zusammenarbeit konnten wir testen, ob die Leitfäden wirklich anwendbar und verständlich sind. Das ist gerade in Bezug auf Genehmigungsprozesse besonders wichtig, da es Unterschiede in juristischen und fachlichen Begriffen gibt, zwischen denen die Leitfäden vermitteln sollen. Durch Feedbackrunden konnten wir sicherstellen, dass für alle Zielgruppen die notwendigen Fragen adressiert und beantwortet werden.
Welche Rolle spielt die H₂-Einspeiselandkarte für Transparenz und Planungssicherheit? Wer nutzt sie bereits?
Die Karte zeigt im Bau befindliche Projekte und bereits im Betrieb befindliche Wasserstoffanlagen. Dabei war uns ganz wichtig, dass die Landkarte nur finanziell gesicherte Projekte darstellt, die eine FID haben und somit auch wirklich umgesetzt werden. Damit grenzt sie sich auch von anderen Karten dieser Art ab. Der Mehrwert besteht darin, dass Nutzende erkennen können, wo wie viel Wasserstoff tatsächlich erzeugt und eingespeist wird und wo künftig zusätzlich Leistung hinzukommen wird. Das ist insbesondere für Netzbetreiber relevant. Aber auch für Projektierende ist es hilfreich, bei neuen Projekten zu wissen, wo sich bereits Anlagen befinden.
Welche Rückmeldungen haben Sie aus der Praxis auf die Projektergebnisse erhalten?
Sehr positiv. Allein an unserer Abschlussveranstaltung, auf der die Leitfäden präsentiert wurden, haben rund 400 Personen teilgenommen. Nach der Präsentation der Ergebnisse gab es eine große Nachfrage nach den Leitfäden, sowohl von Mitarbeitenden aus Behörden als auch von Netzbetreibern. Das Feedback war, dass die Leitfäden in der Praxis dabei helfen, typische Fragen im Planungs- und Genehmigungsprozess sowie im Baubetrieb schneller beantworten zu können.
Gab es Aha-Momente?
Ein Aha-Moment war, dass die genehmigungsrechtlichen Verfahren für Wasserstoffinfrastrukturen in jedem Fall beherrschbar sind, wenn man sie strukturiert und frühzeitig angeht, gleichzeitig aber viele Unsicherheiten und Interpretationsfragen bestehen. Wir gehen allerdings davon aus, dass sich dies mit zunehmender Routine und der häufigeren Durchführung der Prozesse relativiert. Aktuell steht noch oft der Druck im Vordergrund, keine Fehler bei der Sicherheit oder auch beim Naturschutz zu machen.
Eine weitere Erkenntnis war zudem, dass Planungs- und Genehmigungsprozesse für die Umstellung von Erdgasleitungen auf Wasserstoff oft einfacher und unkomplizierter sind als für den Neubau, obwohl sich der Neubau von Wasserstoffleitungen nicht wesentlich von konventionellen Leitungen unterscheidet.
Würden Sie sagen, dass bei allen Akteuren noch eine große Vorsicht da ist?
Ja, weil es sehr viele Bereiche gibt, die man abdecken muss, vom Artenschutz über den Explosionsschutz bis hin zum Wasserschutz. Gerade weil man bei großen Wasserstoffinfrastrukturen noch am Anfang steht, werden Sicherheitsaspekte von allen Seiten besonders intensiv geprüft. Das ist gerade für kleinere Netzbetreiber oft eine große Herausforderung, weil für diese Art von Pionierarbeit entsprechende personelle Ressourcen erforderlich sind. Diese Erfahrungen sind in unser Projekt eingeflossen.
Wie fließen die Ergebnisse nun in Regelwerke, Normung oder weitere Prozesse ein?
Wir sind mit unseren Leitfäden eine Art Brücke zwischen Forschung, Regelsetzung und Praxis. Der DVGW übernimmt die Inhalte als Gasinformation in sein Regelwerk für Wasserstoff. Damit fließen die Ergebnisse direkt in die Weiterentwicklung technischer Regeln ein und stehen der Fachwelt als Orientierung zur Verfügung.
Darüber hinaus dienen die Leitfäden als Grundlage für weitere Abstimmungsprozesse zwischen Behörden, Netzbetreibern und Planern. Sie helfen dabei, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln und bestehende Ansätze schrittweise zu vereinheitlichen.
Die Ergebnisse wurden zudem an rund 8.000 relevante Stakeholder verteilt, dadurch werden sie breit in die Praxis getragen und können dort unmittelbar angewendet und weiterentwickelt werden.
Ihr Projekt ist jetzt beendet, haben Sie Pläne anschließend an PORTAL GREEN 2 weiterzuarbeiten?
Wir möchten auch künftig an das erfolgreiche Konzept von Portal Green anknüpfen. Der gezielte Austausch und die enge Einbindung aller relevanten Stakeholder haben einen großen Mehrwert geschaffen, den wir weiter nutzen wollen.
Aktuell führen wir Gespräche mit verschiedenen Netzbetreibern, um herauszufinden, wie wir durch Forschung gezielt unterstützen können. Beim DBI haben wir in den vergangenen Jahren umfangreiche Expertise aufgebaut, sowohl auf der technischen Seite, etwa in den Bereichen Wasserstofftauglichkeitsprüfung und Netzberechnung, als auch im genehmigungsrechtlichen und regulatorischen Umfeld. Unser Ziel ist es, ein möglichst umfassendes Gesamtpaket für die Planung von Wasserstoffinfrastruktur anbieten zu können und damit konkrete Umsetzungsprojekte zu begleiten.
Inhaltlich gehen unsere Überlegungen für zukünftige Projekte insbesondere in Richtung Wasserstoff-Untergrundspeicher. Darüber hinaus sehen wir auch im Aufbau einer CO2-Infrastruktur einen Bedarf, beispielsweise durch die Entwicklung genehmigungsrechtlicher und technischer Leitfäden analog zu den Portal-Green-Projekten.
Wenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Wo besteht weiterhin Forschungs- oder Handlungsbedarf, damit Wasserstoffinfrastruktur schneller Realität wird?
Die Harmonisierung der Behördenpraxis haben wir mit dem Projekt bereits angereizt. Es wurden verschiedenste Optimierungspotenziale identifiziert und Handlungsempfehlungen ausgesprochen. Einige Entwicklungen sind bereits angestoßen, etwa durch das Wasserstoffbeschleunigungsgesetz.
Dennoch gibt es insbesondere im Bereich Digitalisierung, bei klaren Anforderungen, kürzeren Fristen, stärkerer Standardisierung, Musteranträgen oder auch einheitlichen Anlaufstellen bei den Behörden weiterhin Optimierungspotenzial.
Auf der technischen Ebene geht es weniger um grundsätzliche Machbarkeit, sondern vielmehr um die weitere Konkretisierung und Vereinheitlichung. Dazu zählen beispielsweise Fragen der Wasserstofftauglichkeit von Bestandsinfrastrukturen, standardisierte Prüf- und Nachweisverfahren sowie Erfahrungen im Betrieb und in der Umstellung von Netzen. Ergänzend sehen wir auch bei Wasserstoff-Untergrundspeichern noch weiteren Forschungs- und Klärungsbedarf.
Das Interview führte Mareike Lenzen, Bereich Forschungskommunikation beim Projektträger Jülich.