© Fraunhofer ISE / Foto: Michael Spiegelhalter
Photovoltaik
Vom Labor in die Fabrik: Skalierung von Perowskit-Silizium-Tandemsolarzellen
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE hat ein neues Labor zum Hochskalieren von Tandemsolarzellen eingeweiht. Ziel ist es, Perowskit-Silizium-Tandemsolarzellen als neue Solarzellengeneration weiterzuentwickeln und eine marktreife Skalierung vorzubereiten.
Mit der Eröffnung des Pero-Si-SCALE-Labors leisten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fraunhofer ISE einen wichtigen Schritt, um Perowskit-Silizium-Tandemsolarzellen als vielversprechende Photovoltaik-Technologie voranzubringen. Deutsche und europäische Unternehmen aus der Solarindustrie können in der neuen Forschungsinfrastruktur erstmals Zelldesigns analysieren, skalieren und diese in Photovoltaikmodule integrieren. Mit Blick auf die nächste Generation von hocheffizienten Solarzellen soll die neue Forschungsinfrastruktur dabei unterstützen, den Weg von Laborentwicklungen hin zur industriellen Produktion zu ebnen.
© Fraunhofer ISE / Foto: Michael Spiegelhalter
Bisherige Entwicklungen in diesem Forschungsbereich waren oft auf kleinere Zellformate und frühe Technologiereifegrade beschränkt. Mit dem neuen Labor ist es möglich, diese Entwicklungen in industrienahe Prozesse zu überführen. Konzepte für Solarzellen können auf großflächige Waferformate (Wafergröße bis zu 210 mm x 210 mm; G12 Standard-Industrieformat) übertragen und unter realistischen Produktionsbedingungen getestet werden.
Technologietransfer: Labor als Brücke zwischen Forschung und Industrie
„Die Photovoltaik ist noch lange nicht ‚auserforscht‘. Im Gegenteil, hier ist noch sehr viel zu holen und Tandemsolarzellen sind der entscheidende Hebel für noch mehr Effizienz. Das bedeutet: mehr Solarenergie auf kleinerer Fläche und mit geringerem Materialeinsatz“, sagte Prof. Dr. Stefan Glunz, Bereichsleiter Photovoltaik am Fraunhofer ISE während der Eröffnung des Pero-Si-SCALE-Labors.
Pero-Si-SCALE ist ein unabhängiges Labor zur Hochskalierung der Perowskit-Silizium-Tandem-Technologie auf einen industriellen Maßstab. Produzenten aus der Photovoltaikbranche erhalten hier Zugang zu Prozessen und Anlagen, die ihnen für ihre jeweiligen Produktentwicklungen dienen. So können etwa Solarzellen-, Modul-, Material- und Anlagenhersteller im Labor ihre Technologie evaluieren. Dadurch lassen sich Produkte effizient optimieren, was den Transfer in den Markt beschleunigt.
Höhere Wirkungsgrade bei Perowskit und Silizium im Tandem
Warum das Potenzial von Perowskit-Silizium-Tandemsolarzellen als sehr vielversprechend erachtet wird, zeigt ein Blick auf die erzielbaren Wirkungsgrade im Vergleich zu herkömmlichen Siliziumsolarzellen. Um eine Perowskit-Silizium-Tandemsolarzelle herzustellen, wird eine extrem dünne Perowskitschicht (ca. 500 Nanometer) auf eine Siliziumsolarzelle aufgebracht. Durch diese Kombination steigt der theoretisch erreichbare Wirkungsgrad von etwa 29,4 Prozent auf bis zu über 43 Prozent. Im Labormaßstab konnten Forschende des Fraunhofer ISE bereits Wirkungsgrade von über 33 Prozent bei Tandemsolarzellen erzielen.
© Fraunhofer ISE / Foto: Michael Spiegelhalter
Die Effizienz von Perowskit-Silizium-Tandemsolarzellen wurde also bereits nachgewiesen. Nun gilt es, wichtige Aspekte wie die Langzeitstabilität zu gewährleisten und die Technologie möglichst kosteneffizient in industrielle Prozesse zu überführen. Hierbei wird im Pero-Si-SCALE-Labor mit der sogenannten „Hybrid-Route“ ein besonderer Ansatz verfolgt. Dieser kombiniert Vakuum- und nasschemische Verfahren. Der Vorteil liegt darin, dass vorhandene industrielle Siliziumsolarzellen weiterverwendet werden können – ein wichtiger Aspekt für die Industrie, um eine schnelle Integration in bestehende Produktionslinien zu ermöglichen.
Eine wesentliche Voraussetzung für die Industrie, Tandemmodule effizient in der Produktion umzusetzen, liegt in der erfolgreichen Kombination verschiedenster Dünnschichttechnologien mit der waferbasierten Siliziumtechnologie. Hierzu leisten die aufeinander aufbauenden Laborbereiche des Pero-Si-SCALE einen wichtigen Beitrag.
Von der Zelle bis zum Modul: Untersuchungsbereiche im Pero-Si-SCALE-Plattform
- Zelltechnologie
Eine vollständige Prozesslinie für Silizium-Bottomzelle und Perowskit-Topzelle ermöglicht die reproduzierbare Herstellung hocheffizienter Perowskit-Silizium-Tandemsolarzellen – mit einem Durchsatz von 40 bis 80 G12-Wafern pro Tag. - Zellcharakterisierung
Globale und ortsaufgelöste Messverfahren zur Leistungsbestimmung sowie zur Zell- und Degradationsanalyse bilden die Grundlage für eine charakterisierungsgeleitete Optimierung von Perowskit-Silizium-Tandemsolarzellen. - Modultechnologie
Das erweiterte Module-TEC bietet eine hochmoderne Infrastruktur für die Entwicklung, Herstellung und Erprobung innovativer PV-Modultechnologien. Dazu zählen unter anderem ein industrieller Klebestringer der neuesten Generation sowie ein LED-Flasher für I-V-Kennlinien mit integrierter Elektrolumineszenzcharakterisierung zur direkten Qualitätskontrolle. - Modulcharakterisierung und -analyse
Die ausgebaute Infrastruktur ermöglicht es, Perowskit-Silizium-Tandemmodule entwicklungsbegleitend zu untersuchen, Prüf- und Messverfahren weiterzuentwickeln sowie das Betriebsverhalten und Ertragspotenzial der Technologie unter realen Freilandbedingungen zu erfassen.
Potenzial für deutsche und europäische Photovoltaikbranche
Die Eröffnung des Pero-Si-SCALE Labors am 5. Mai 2026 fand zu einem wichtigen Zeitpunkt statt. Europäische Photovoltaikunternehmen stehen unter großem Wettbewerbsdruck. Insbesondere asiatische Hersteller dominieren den Weltmarkt – allein auf China entfällt etwa 90 Prozent der großskaligen Photovoltaikproduktion.
Vor diesem Hintergrund bieten Tandemsolarzellen die Chance auf einen technologischen Vorsprung und einen möglichen Wiederaufbau von Produktionskapazitäten in Europa. Perowskit-Silizium-Tandemsolarzellen können mit ihrem Potenzial, Wirkungsgrade über 35 Prozent zu erreichen, eine Schlüsseltechnologie für die nächste Generation hocheffizienter Photovoltaik bilden. Das Pero-Si-SCALE-Labor leistet mit seinen dort stattfindenden Forschungs- und Entwicklungsarbeiten einen wesentlichen Beitrag.
Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Forschung und Wirtschaft unterstrichen bei der Eröffnung des Labors dessen Rolle als Innovationstreiber. So gehe es bei den Arbeiten in Pero-Si-SCALE nicht nur darum, Effizienz zu steigern, sondern gleichzeitig auch neue Anreize für den Maschinen- und Anlagenbau zu ermöglichen. Die bisherigen wissenschaftlichen Entwicklungen zu nutzen und weiter für eine industrielle Umsetzbarkeit zu optimieren, sei dabei entscheidend.
An dieser Schnittstelle stehe Pero-Si-SCALE als neue Forschungseinrichtung, um einen wichtigen Beitrag für eine effiziente und nachhaltige Energieversorgung zu leisten sowie den Ausbau erneuerbarer Energien voranzubringen. „Perowskit-Silizium-Tandemsolarzellen bieten eine Chance für einen (Wieder-)Einstieg in eine europäische, industrielle PV-Fertigung. Bei der Photovoltaik-Forschung sind wir, auch dank der Förderungen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie BMWE, auf internationalem Spitzenniveau und das kann und sollte den hiesigen Industriepartnern den Rücken stärken“, erläuterte Prof. Dr. Andreas Bett, Institutsleiter des Fraunhofer ISE. (av)