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Das Studierendenhaus an der Universität Kassel wurde mit der Intracting-Methode modernisiert. © Universität Kassel
Das Studierendenhaus an der Universität Kassel wurde mit der Intracting-Methode modernisiert.

Finanzierungsmodelle
Mit Intracting Energieeffizienz an Hochschulen verbessern

18.01.2022 | Aktualisiert am: 26.01.2026

Energieeffizienz spart bares Geld – wenn aber das Budget für Energie gleich bleibt, könnten Hochschulen diese Einsparungen immer wieder reinvestieren. Dieses „Intracting“ genannte Finanzierungsmodell hat sich in Kommunen bereits erprobt – und kann dank des Forschungsprojektes IntrHo nun auch einfacher auf Hochschulen angewandt werden. 

Der finanzielle Engpass vieler Städte verhinderte oft, dass sinnvolle und notwendige Investitionen für mehr Energieeffizienz im Gebäudebestand durchgeführt werden konnten. In Stuttgart und einzelnen weiteren Kommunen wurde seit Mitte der 1990er Jahre ein neues Finanzierungsinstrument entwickelt, das den Gedanken des Contractings aufgreift, bei dem ein Experte als „Contractor“ eine Dienstleistung erfüllt, die der „Contract-Nehmer“ in dieser Form nicht erbringen kann oder will. Beim Energiespar-Contracting beispielsweise wird ein Auftragnehmer über die Kosteneinsparungen finanziert, die er selbst bewirkt. 

Intracting funktioniert ähnlich: Die Stadt stellt ein Startbudget zur Verfügung, aus dem die Erstinvestition finanziert werden kann – danach muss sich die Hochschule mit einem festen Budget zufriedengeben und weitere Investitionen aus den Einsparungen bestreiten. Intracting wird in der kommunalen Praxis inzwischen mit wachsendem Erfolg eingesetzt. Das Forschungsprojekt IntrHo hat unter anderem einen Leitfaden entwickelt, um diesen in Kommunen erprobten Ansatz auf die besonderen Bedingungen von Hochschulen zu übertragen. 

Was ist Intracting?

Intracting (Internes Contracting) ist ein Finanzierungskonzept für Energiesparmaßnahmen im Gebäudesektor. Nach energetischen Verbesserungen werden die so gesparten Kosten bei Strom oder Wärme auf ein eigenes Konto gebucht und in weitere Maßnahmen reinvestiert. Mit einer einmaligen Anschubfinanzierung kann so ein sich selbst verstärkender Finanzmittelkreislauf in Gang gesetzt werden. Auch bei knappen Haushaltsmitteln kann so ein substanzieller Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden.

Der Leitfaden thematisiert Fallstricke und beantwortet typische und wiederkehrende Fragen rund um das Thema Intracting an Hochschulen. Zudem hat das IntrHo-Team Werkzeuge entwickelt, die bei der Entwicklung von Intracting-Strategien helfen. Der komplette Intracting-Leitfaden kann auf der Seite der Universität Kassel heruntergeladen werden. 

Intracting ist somit ein mächtiges Klimaschutz-Instrument, das Ökonomie und Ökologie zu einer Win-win-Situation vereint“, sagt Projektmitarbeiter Marius Ehlert, Co-Autor des neuen Leitfadens.

Personalmangel und Kostenzwänge an Hochschulen

Denn an Hochschulen werden selbst hochwirtschaftliche Energiesparmaßnahmen vielfach nicht umgesetzt. Es fehlen der Hochschulverwaltung häufig sowohl das Personal als auch die finanziellen Mittel für die erforderlichen Investitionen. Zudem konkurrieren diese mit Investitionen in Lehre, Forschung oder in notwendige Verwaltungsaufgaben. Auf dieses Dilemma fokussierte sich das Projekt. Mit Simulationen, einem Szenarientool und einer beispielhaften Umsetzung an der Universität Kassel näherten sich die Forschenden den Möglichkeiten an, Intracting ideal in Hochschulen nutzen zu können. 

Interviews zeigten, welche Risiken Beteiligte aus den Bereichen Bau, Technik und Liegenschaften der Universität Kassel sahen. Insbesondere die Ausgestaltung der Anschubfinanzierung und die Qualität und Quantität des Personals wurden als Hauptpunkte genannt. 

Die Anforderungen an das Intracting-Management sind hoch: Es soll das hochschulinterne Energiemanagement in die Lage versetzen, kontinuierlich an der Effizienzsteigerung der Hochschulgebäude zu arbeiten und somit vorhandene Energieeinsparpotenziale zu erschließen. Konkret ist es erforderlich, ein vom sonstigen Haushalt getrenntes Budget – etwa eine „Kostenstelle Intracting“ – einzurichten, die mit einer einmaligen Anschubfinanzierung ausgestattet wird. Mit dieser werden erste Maßnahmen finanziert, die mit der Zeit zu Energiekosteneinsparungen führen. Sie werden der Kostenstelle Intracting gutgeschrieben. Damit können wiederum neue Maßnahmen finanziert werden. 

„Mit Intracting werden die vielen zum Teil sehr wirtschaftlichen Energieeinsparmaßnahmen an Hochschulen umgesetzt und der Klimaschutz vorangebracht. Bezogen auf die betrachteten Maßnahmen sinken der Energieverbrauch und damit auch die CO2-Emissionen um 60 bis 70 Prozent.“
Projektleiter Prof. Dr.-Ing. Jens Knissel

Intracting im Praxistest an der Universität Kassel

Für die Universität Kassel und vier weitere Hochschulen wurden in IntrHo beispielhaft Implementierungskonzepte durch die jeweiligen Bauabteilungen erstellt. Zudem haben die fünf Hochschulen das im Projekt entwickelte Simulationswerkzeug für die strategische Planung und konzeptionelle Ausgestaltung des Intracting-Ansatzes erprobt. Die Universität Kassel hat Intracting in der Abteilung Bau, Technik, Liegenschaften eingeführt und wendet es inzwischen erfolgreich an.

Das Pilotprojekt in Kassel hat mit einer Anschubfinanzierung von 850.000 Euro gestartet und damit von 2015 bis 2020 30 Energieeffizienzmaßnahmen finanziert und umgesetzt. Dazu gehörten zum Beispiel die Sanierungen von Beleuchtungssystemen, Lüftungsanlagen oder Umwälzpumpen, aber auch die Installation von Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern mehrerer Gebäude. Die Forschenden gehen davon aus, dass die Universität mit Intracting langfristig den gesamten Wärme- und Stromverbrauch ihrer Gebäude um rund 30 Prozent reduzieren kann. Damit leistet die Hochschule nicht nur einen Beitrag zum Klimaschutz, sie macht langfristig auch Gewinn. Denn schon innerhalb von 15 Jahren vervielfältigt sich die Anschubfinanzierung beim Intracting um den Faktor 20 bis 40.

Neben den methodischen Fragen wurden Simulationswerkzeuge entwickelt, mit denen die Implementierung unter hochschulspezifischen Randbedingungen visualisiert und optimiert werden können. Ergebnisse der Untersuchungen flossen auch in den Abschlussbericht des Projekts, der auf der Seite der Technischen Informationsbibliothek (TIB) zur Verfügung steht.

Aus den gewonnenen Erfahrungen des Projekts in Kassel hat das IntrHo-Team verschiedene Erkenntnisse gewonnen: Ein Faktor für erfolgreiches Intracting sind zum Beispiel besonders wirtschaftliche und gleichzeitig schnell umsetzbare Maßnahmen. Vor allem in der Anfangsphase sind diese entscheidend, da sie dafür sorgen, dass möglichst bald nennenswerte Zuflüsse auf die Intracting-Kostenstelle stattfinden, die dann wieder reinvestiert werden können. Nur so kann der Intracting-Kreislauf in Gang gesetzt werden und die Finanzmittel exponentiell ansteigen. Eine Rückzahlung der Anschubfinanzierung ist sogar mit Gewinnzuschlag möglich, sollte aber erst nach der Anlaufphase beginnen, um die wichtige Startphase nicht zu behindern. Erforderlich für ein erfolgreiches Intracting ist zudem, dass zusätzliches, kompetentes Personal eingestellt und der Prozess durch die Hochschulleitung und die Bauabteilung unterstützt wird.