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Im Quartier Hassel in Gelsenkirchen wurde im Reallabor der Energiewende TransUrban.NRW ein Niedertemperaturnetz realisiert, also eine leitungsgebundene Wärmeversorgung auf Basis erneuerbarer Energien. © C. Rademacher
Im Quartier Hassel in Gelsenkirchen wurde im Reallabor der Energiewende TransUrban.NRW ein Niedertemperaturnetz realisiert, also eine leitungsgebundene Wärmeversorgung auf Basis erneuerbarer Energien.

Reallabor der Energiewende TransUrban.NRW
„Wir haben zum ersten Mal ein solches Wärmenetz gebaut“

Dr. Christian Wilke Mission Transfer, Mission Wärmewende 2045

13.01.2026 | Aktualisiert am: 13.01.2026

Ein Ziel der Reallabore der Energiewende ist es, die Markteinführung innovativer Technologien zu beschleunigen. Wie dieses Förderformat in der Praxis funktioniert, erklärt Dr. Christian Wilke von E.ON. Er leitet das bereits seit 2020 laufende Reallabor der Energiewende TransUrban.NRW.

Herr Dr. Wilke, das von Ihnen betreute Projekt TransUrban.NRW ist ein so genanntes Reallabor der Energiewende: Wie profitieren Sie davon?

Dr. Christian Wilke: Ein Vorteil ist die lange Laufzeit. Diese hat die Partner in eine Arbeitsbeziehung gebracht, die weit über das Arbeitsprogramm hinausgeht, das wir 2019 geplant hatten. Während des Projektes gab es viele Änderungen in der Regulierung. Vor diesem Hintergrund hat sich die Flexibilität der Partner und die vertrauensvolle Zusammenarbeit bewährt, die sich über die lange Zeit entwickeln konnte.

Ein weiterer Vorteil ist, dass in dem Förderformat drei Förderphasen, die vorher getrennt waren, zusammengefasst wurden: Die Planung inklusive Simulation, die Umsetzung und das Monitoring der Betriebsoptimierung. Dies reduzierte unseren administrativen Aufwand erheblich, da wir keine zusätzlichen Folgeprojekte beantragen mussten. Außerdem konnten wir fließend in den individuell erforderlichen Geschwindigkeiten in die einzelnen Quartiere einsteigen.

Zur Person

Dr. Christian Wilke ©privat

Dr. Christian Wilke ist seit 2017 Projektleiter bei der E.ON Energy Solutions GmbH, die Wärmenetze in NRW betreibt. Er betreut verschiedene Forschungsprojekte, die zur Dekarbonisierung des Wärmesektors beitragen und den Transfer von der Forschung in die Umsetzung beschleunigen helfen. Neben den technischen Innovationen stehen neue Partnerschaften und Kooperationen im Mittelpunkt seiner Arbeit.

Ein Ziel des Förderformates „Reallabore der Energiewende“ ist es, Innovationen in die Praxis zu bringen. Ist das im Vorhaben TransUrban.NRW gelungen?

In das Projekt waren von Anfang an Industrie- und Praxispartner sowie unterschiedliche Stakeholder in der Projektentwicklung eingebunden. Das heißt, es fand ein Austausch der Forschenden und Planenden mit den später Umsetzenden statt. Hier gibt es naturgemäß ganz unterschiedliche Perspektiven – etwa bei der Quartiersentwicklung.

Was passiert im Reallabor der Energiewende TransUrban.NRW?

Blick auf die Mönchengladbacher Seestadt, in der ein Niedertemperaturnetz installiert wurde. (Stand: Dezember 2025) ©privat
Blick auf die Mönchengladbacher Seestadt, in der ein Niedertemperaturnetz installiert wurde. (Stand: Dezember 2025)

TransUrban.NRW zeigt, wie klassische Fernwärmeversorgungsgebiete in den Kohlerevieren in CO₂-arme Versorgungssysteme verwandelt werden können. Aktuell werden die Fernwärmenetze auf hohen Systemtemperaturen betrieben, um Wärme aus der Kohleverstromung und hochtemperierte Abwärme zu nutzen. Die Hochtemperatur- und Dampfnetze sind dadurch nicht in der Lage, erneuerbare Energien und Niedertemperatur-Abwärmequellen effizient einzubinden. TransUrban.NRW zeigt, wie die Hochtemperatur-Energieinfrastruktur in ein Niedertemperatur-Energiesystem umgewandelt werden kann. Dies ändert auch die Rolle der Fernwärmenetzbetreiber und Stadtwerke: Vom Energielieferanten werden sie zum Anbieter digitaler Energie-Plattformen. Die Laufzeit von TransUrban.NRW endet im April 2026.

Konkret haben wir in TransUrban.NRW zwei Quartiere gebaut und mit innovativen Wärmekonzepten ausgestattet. Die Projektentwickler haben die Ideen für eine Energieversorgung aus TransUrban.NRW auch auf weitere Projekte übertragen. Auch ein wichtiges Ziel des Reallabors: Bauherren die Denk- und Funktionslogik von solchen innovativen Systemen näher zu bringen. Sie sollen in der Lage sein, diese Konzepte selbstständig als Option für eine nachhaltige Energieversorgung zu übernehmen. Letztendlich hat der Praxistransfer auch in Form von Personen stattgefunden. Wissenschaftliche Mitarbeitende konnten nahtlos in Partner-Unternehmen wechseln.

Zwei Quartiere wurden im Vorhaben erfolgreich umgesetzt. Beschreiben Sie doch kurz, was dort gemacht wurde.

Förderformat: Reallabore der Energiewende

© Blue Planet Studio – stock.adobe.com

Mit den Reallaboren der Energiewende schafft das BMWE die Voraussetzung, neue Technologien, Geschäftsmodelle und regulatorische Ansätze unter realen Betriebsbedingungen zu testen, zu validieren und weiterzuentwickeln. Ziel ist es, die Markteinführung innovativer Technologien zu beschleunigen, Risiken bei Investitionsentscheidungen insbesondere für Unternehmen zu minimieren und Akzeptanz zu schaffen durch Demonstrationen in realen Umgebungen. Das BMWE fördert durch die Reallabore der Energiewende Vorhaben, die besonders praxisnah sind und sich auf reale Anwendungsfälle beziehen.

Die Quartiere, die neu errichtet wurden und in die wir ein funktionsfähiges Wärmeversorgungssystem integriert haben, sind die Seestadt in Mönchengladbach sowie das Quartier „Wohnen am Glückaufpark“ in Gelsenkirchen-Hassel auf dem Gelände einer ehemaligen Kokerei. In beiden Quartieren haben wir Niedertemperaturnetze realisiert, also leitungsgebundene Wärmeversorgungen auf Basis erneuerbarer Energien. Für uns als E.ON-Wärmegesellschaft in Nordrhein-Westfalen war es das erste Mal, dass wir ein Wärmenetz gebaut haben, das nicht – wie die klassischen Netze – mit über 65 Grad Celsius läuft, sondern deutlich darunter.

Was war Ihr persönliches Highlight?

In Hassel haben wir das erste sogenannte kalte Nahwärmenetz gebaut. Das heißt, wir haben die Funktionen Heizen und Kühlen in einem Netz vereint. Damit haben wir zum ersten Mal für den Wohnungsmarkt eine Kühlfunktion bereitgestellt, die von den Kunden in den letzten Sommern sehr dankbar angenommen wurde. Hitzeereignisse mehren sich.

Trotzdem sehen wir, dass das Thema sommerliche Kühlung bei Wohngebäuden oft noch nicht mitgedacht wird. Wir sind froh, dass wir Erfahrungen mit dieser Technologie sammeln konnten.

Was sind die nächsten Schritte?

Im Hasseler Quartier holen wir jetzt anfängliche Verzögerungen, die durch Corona, Ukraine-Krieg und Lieferengpässe zustande kamen, auf. Einige Mehrfamiliengebäude sind deswegen noch im Bau. Wir werden dort so lange aktiv bleiben, bis die Versorgung aller geplanten Quartiersgebäude sichergestellt ist. Dazu zählen die Integration von Wärmepumpen, Photovoltaik-Anlagen und der Anschluss an das kalte Nahwärmenetz.

Wie bewerten Sie die Fortschritte im Projekt?

Wir haben schon einige Erfahrungen gesammelt, die wir bei zukünftigen Projekten berücksichtigen werden. Hierbei hilft uns insbesondere das Monitoring, das wir in Kooperation mit der RWTH Aachen durchführen. Dabei vergleichen wir die vorab dynamisch simulierten Werte mit den tatsächlichen Werten. So können wir zum Beispiel erkennen, ob die prognostizierten Wärme- und Kältebedarfe wie geplant eingetreten sind. Außerdem ermöglicht das Monitoring technische Optimierungen. Unser Ziel ist es, dass wir die Effizienz, die wir uns erhofft haben, auch in der Realität sehen.

Das Interview führte Birgit Schneider, Bereich Forschungskommunikation beim Projektträger Jülich.